Mittwoch, 30. Juni 2010

Schulstress

Das Schulsystem in China ist bekanntlich etwas anders als unseres. Nach der High School nehmen alle Schüler am 高考 (gaokao) teil. Das ist ein standardisierter Test dessen Ergebnis darüber entscheidet, ob man eine Chance hat an einer der guten Unis aufgenommen zu werden. Welche enorme Bedeutung dieser Test hat, zeigt dieser Ausschnitt einer chinesischen Zeitung, die in englischer Sprache erscheint:

Over the weekend, local governments have issued temporary regulations to give students a helping hand.
 
In Beijing, for instance, normal traffic control measures have been suspended for all cars carrying students to the exam, according to the city's bureau of road traffic.  
To prevent noise, the city has banned night shifts at construction sites. Bus lines will also be rerouted around schools where the exams are due to be held. The city government has further called for promotional activities to be halted for businesses and recreational events during the exam period. 
Elsewhere, in Linchuan county of East China's Jiangxi province, all Internet cafes have been asked to close prior to the national exam to keep students focused on the job, rather than becoming distracted online. 
In almost all provinces, the police are monitoring the Internet, looking for scams offering to help students cheat on the exam either by selling the answers or with the aid of a technological device. If an emergency arises, traffic police are prepared to transport students to their exams.
 
Local police have also stepped up their inspection of identity cards after the education ministry called for a crackdown on impostors attempting to take the exam.


Der Test ist die einzige Chance auf eine erfolgreiche Zukunft. Die Qualität der chinesischen Unis ist sehr unterschiedlich und damit auch die Chance einen hoch dotierten Job zu bekommen. Nach Teilnahme an dem Test bewirbt man sich um ein Fach, kann jedoch nahezu beliebig umverteilt werden. Es gibt daher viele Studenten, die nicht das studieren, was sie eigentlich studieren wollen. Studienfächer, die keine oder nur eine geringe Bedeutung für die Wirtschaft und die Industrie haben, sind sehr selten. Genauso denken auch die meisten Chinesen. Ohne Rücksicht auf Verluste geht es darum Geld zu machen und erfolgreich zu sein. Ganz langsam entwickelt sich, mit steigendem Wohlstand, die Überzeugung, dass es mehr gibt als nur Geld und wirtschaftlichem Erfolg. Die Studenten reden immerhin untereinander offen darüber, dass sie eigentlich etwas ganz anderes machen wollen würden.

Nachdem die Ergebnisse des gaokao inzwischen veröffentlicht sind, bemühen sich die Studenten nun um ihre Studienplätze. Die Firma, in der ich bin, ist Kooperationspartner der FH Aachen und organisiert Aufnahmeprüfungen für das Freshman Program. Das Programm dauert ein Jahr und bereitet die Schüler auf ein Studium in Deutschland vor. Im Anschluss können die Teilnehmer an vielen FHs und Unis in NRW ein reguläres Studium aufnehmen. Wie ihr euch denken könnt, ist die Anerkennung eines chinesischen (High School-)Schulabschlusses und die direkte Aufnahme an eine deutsche Hochschule sehr schwierig bzw. meist unmöglich. Aus diesem Grund besitzen viele chinesische Studenten in Deutschland bereits einen chinesischen Hochschulabschluss.
Wir veranstalten derzeit einige Infoveranstaltungen bei denen ich häufig die Ehre habe mich mit den Absolventen zu unterhalten, während die Eltern sich um die "ernsten" Frage bezüglich des Programm kümmern. Es fällt immer wieder auf, dass meist die Väter entscheiden, dass erstens dieses Programm gut ist und zweitens was sie studieren sollen. Viele Eltern haben in den letzten Jahren einen gewissen Wohlstand erlangt und setzen nun alles daran ihren Kindern eine gute Ausbildung zu garantieren. Was die Kinder davon halten, ist meistens jedoch nebensächlich. Nächste Woche findet eine einwöchige Vorbereitung auf die Aufnahmeprüfung statt. Die Prüfung entscheidet dann allein über die Aufnahme in das 16 000€ teure Programm. Dies darf auch als Kritik am gaokao und der Aussagekraft der Ergebnisse gesehen werden. Die gaokao-Prüfung ist angeblich wenig fair oder transparent und gibt nur wenig Informationen darüber, ob der Student ein Studium erfolgreich absolvieren kann.

Einige der Bewerber haben übrigens verhältnismäßig schlechte Ergebnisse im gaokao. Ihre "letzte" Chance ist somit ein Studium im Ausland. In ihren Fällen entscheidet die Geldbörse der Eltern…
Das heißt allerdings nicht, dass nur die reichen und schwachen Schüler ins Ausland gehen ;) Inzwischen ist die Abwanderung junger Leute durchaus ein Thema in den Medien. In ziemlich subtilen Artikeln wird beschrieben, welche Probleme auf die Studenten im Ausland zukommt und welche Probleme sie haben werden, wenn sie nach China zurückkehren (viele versuchen jedoch im Ausland zu bleiben). Es wird dann beschrieben, dass die Sprachkenntnisse in ihrer Muttersprache nach vier fünf Jahren nachließe und insbesondere Schüler, die bereits eine High School im Ausland besucht haben praktisch sprach behindert sein: Was könne man schon mit jemandem anfangen, der Chinesisch auf dem Niveau eines 16-jährigen spreche.

Bildung ist ein riesen Thema hier. Wenn aber mal wieder jemand schreit, dass Deutschland zu wenig Hochschulabsolventen hat, lehnt euch freudig lächelnd zurück. Die Hochschulabsolventen haben größtenteils nicht viel drauf und gelten selbst in China zum Teil als nicht fähig einen qualifizierten Job anzunehmen. Vor ihnen brauchen wir uns nicht zu fürchten. Das Niveau wird in Zukunft steigen und die Bildungseinrichtungen wandeln sich extrem schnell. Davor wiederum sollten wir großen Respekt haben!

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