Nach der Werbung für das Programm mit der FH Aachen kamen nun zwei Profs der FH Aachen und der FH Bielefeld zu Besuch, um die Einschreibungstests abzunehmen. Sie ersetzen alle anderen Einschreibekriterien, wie z.B. den gaokao.
In der Woche vor dem Test hatte ich die Ehre mit einem Teil der Schüler ihr mündliches Englisch zu verbessern. Den meisten fehlt es einfach an Übung, die Hürde zu sprechen ist noch zu groß (das wäre bei deutschen Absolventen jedoch vergleichbar, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt). Als Vorbereitung auf die mündliche Prüfung (5-10min Dialog mit einem Prüfer) versuchte ich mit den Schülern über ihre Motivation zu sprechen. Einfache Fragen, wie "Warum möchtest du in Deutschland studieren? Warum in Deutschland und nicht in England, Kanada oder den USA? Warum möchtest du das Fach x studieren…" blieben häufig ohne Antwort. Die Schüler haben sich diese Frage nie gestellt und hatten keine Ahnung, was sie mit der Frage anfangen sollten. Stattdessen antwortete die fitteste der Teilnehmerinnen mit einer Gegenfrage bezüglich meiner Motivation nach China zu kommen. Erst meine Antwort führte dazu, dass die Schüler verstanden, welches Ziel diese doofe Frage nach der Motivation hat. Meine Chefs erzählen mir in solchen Situationen gern, wie wenig Zeit die Schüler hätten und dass neben dem Schulalltag keine Zeit bleibe, um sich Gedanken um seine Zukunft oder persönliche Ziele zu machen. Weiterhin seien die Schüler kaum in der Lage solche Entscheidungen zu treffen - ein wirklich armseliges Bildungssystem!
Das gilt vor allem, wenn man den Tagesablauf der Schüler betrachtet. Die meisten Schulen sind Internatsschulen. Die Schule, in der wir häufig aufkreuzen, weckt die Schüler um 6. Um 7 beginnt eine halbe Stunde "reading" in der die Schüler englische Texte lesen sollen. Danach beginnt bis 11 der Unterricht. Von 11 bis 14h ist dann Mittagspause und Mittagsschlaf vorgeschrieben. Danach ist wieder bis 17h Unterricht. Im Anschluss folgen Abendessen und Hausaufgaben bis 22:15h. Das ganze findet Mo-Fr statt. Samstag endet der Unterricht gegen Mittag. Dann geht es nach Hause, bis Sonntag Nachmittag. Gegen Abend müssen die Schüler wieder zurück sein. Es kann allerdings passieren, dass auch Sonntags plötzlich eine Klausur geschrieben wird (war letzte Woche der Fall!).
Es ist erschreckend zu sehen, wie viel Zeit die Schüler in der Schule verbringen und wie wenig dabei rauskommt.
Das wirklich interessante ist, dass die gaokao-Prüfungsaufgaben z.B. in Mathe das Niveau in Deutschland (wahrscheinlich auch LK-Niveau) überschreiten. Selbst die Profs fanden die Aufgaben in Physik (E-Technik Prof) happig. Leider können viele Schüler die relativ leichten Matheaufgaben des deutschen Tests kaum lösen. Abzüglich der Probleme, die englische Aufgabenstellung (darauf wurden sie vorbereitet!) und eine fremde Art der Aufgabenstellung zu verstehen, bleibt es dennoch bemerkenswert. Ein Blick in chinesische Buchhandlungen erklärt wiederum sehr eindrucksvoll, was Sache ist. Die größte und bestbesuchte Abteilung in den meisten Buchhandlungen ist die Schulbuchabteilung. Hier gibt es Übungsbücher und Sammlungen ehemaliger gaokao-Prüfungen, die man dann fleißig pauken kann. Fleißig verstehen ist aber was anderes ;)
Der Besuch der Profs hat mir sehr gut gefallen. Ich konnte wieder etwas niveauvollere Gespräche auf Deutsch führen. Leider ist das trotz 10-jährigem Deutschlandaufenthalts meines Chefs mit ihm kaum möglich. Auch die Vertreterin aus Aachen, die seit 30 Jahren in Deutschland lebt und arbeitet, stellt ihr nur eine kleine Verbesserung dar.
Da die Profs, aus irgendwelchen Gründen, einen guten Eindruck von mir bekommen haben, haben sie mich eingeladen am Sonntag mit ihnen nach Guangzhou zu fahren und die Stadt zu erkunden.
Auf Grund der Asienspiele, die im Oktober in Guangzhou stattfinden, gleicht die Stadt einer einzigen Baustelle. Insbesondere Straßen werden erneuert (auch wenn sie angeblich erst 6 Monate alt sind!) und die Verkehrsführung beliebig verändert.
Tagsüber waren wir in einem Museum einer alten Grabkammer, Nachmittags kurz shoppen bis wir Abends eine Bootstour auf dem Perlfluss gemacht haben. Die Ufer und die Gebäude in der Nähe werden Abends hübsch beleuchtet. Der Höhepunkt ist der Fernsehturm am Ende der Strecke.
